“Der Computer hat Türen geöffnet, von denen wir nicht wussten, dass sie überhaupt existieren”. So formulierte es Joseph Weizenbaum, deutsch-amerikanischer Informatiker, Wissenschafts- und Gesellschaftskritiker. Meine Übersetzung: “DIGITAL ist viel mehr als ANALOG”.

Blödheit in der digitalen Welt

Ob diese Aussagen stimmen und was sie täglich für uns Anwender bedeuten,
möchte ich hier anhand einiger (positiver und negativer) Beispiele zeigen.

Die Bedeutung …

… wörtlich

Das Wort “digital” kommt von lat. “digitus” für “Finger”. Digital ist, was man “mit dem Finger abzählen” kann, d.h. mit genauen, unterscheidbaren Ziffern darstellbar. Das Wort “analog” kommt aus dem Griechischen und bedeutet “verhältnismäßig”. Ein Zustand oder ein Messwert kann z.B. stufenlos verändert werden.

Analog- und Digital-Uhr
Ein gutes Beispiel sind die Uhren. Analoge Uhren zeigen die Zeit mit kontinuierlich bewegten Zeigern an, digitale Uhren mit springenden Ziffern. Digitale Uhren gehen nicht schneller als analoge Uhren – die Uhrzeit von digitalen Display ist die gleiche wie die vom analogen Zifferblatt. Nicht die Zeit ist analog oder digital, sondern ihre Darstellung mit Hife der Uhr.

Trotz der gleichen Uhrzeit gibt es kleine Unterschiede. Die analoge Uhr kann nur “ungefähr” abgelesen werden, es gibt eine Ablese-Ungenauigkeit. Weil das Zifferblatt nur 12 Stunden hat, muss man sich die “Tageshälfte” denken. Dafür geht das Ablesen etwas schneller, z.B. beim Autofahren ist der Blick schneller wieder auf der Straße. Die Anzeige und das Ablesen der digitalen Uhr ist genauer, besser geeignet für zeitkritischen Einsatz. Die Anzeige in der 24-Stunden-Ansicht ist vollständiger. Der Rest ist eher eine Geschmackfrage.

Beide Formen sind uns vertraut. Die Uhr gibt keinen Hinweis, dass ein Umdenken von analog auf digital nötig sein könnte.

Computer arbeiten digital und präzise. Die Technik erlaubt es außerdem, dass sie sehr schnell arbeiten, sie ermüden nicht und werden nicht unaufmerksam. Das macht sie für bestimmte Aufgaben besser geeignet als das menschliche Gehirn. Dafür können sie nicht selbstständig denken, sie sind auf ihre Programmierung angewiesen.

… gesellschaftlich

Viel größer sind die gesellschaftlichen Auswirkungen, z.B. in der Familie. In der “analogen Welt” hatten die Eltern die Kenntnisse und die Erfahrungen. Die Autorität der Eltern war “normal”. Durch den Wandel zur “digitalen Welt” gelten die analogen Erfahrungen immer noch. Aber sie verlieren an Bedeutung, weil neue Kenntnisse und Erfahrungen nötig werden. Kinder haben keine Berührungsängste mit neuen Techniken, sie lernen sie “spielerisch” kennen. Sie wachsen selbstverständlich mit ihnen auf. Sie lernen schneller und wissen bald mehr darüber als ihre Eltern, die oft die Entwicklung verpasst oder verdrängt haben.

Digital Natives, Digital Immigrants
Das Drehscheibentelefon der Eltern hat nur eine ganz entfernte Ähnlichkeit mit dem Smartphone der Kinder: Mit beiden kann man telefonieren. Aber das Smartphone ist ein leistungsfähiger mobiler Computer, das Telefonieren ist nur eine von sehr vielen Fähigkeiten. Selbst wenn die Eltern “schon” auf ein schnurloses Tastentelefon mit digitalem Display, Telefonbuch und Anrufbeantworter aufgestiegen sind, bleibt es “nur” ein Telefon. Ob die Eltern dessen Eigenschaften kennen und nutzen?

Die Marketing-Sprache drückt es so aus: Kinder sind die “digital Natives”, die “digitalen Eingeborenen”, die in dieser Welt aufgewachsen und damit vertraut sind. Eltern sind die “digital Immigrants”, die “digitalen Einwanderer”, die sich nicht auskennen, die alles neu lernen müssen, z.B. von den Kindern. Das kann die Autoritätsverhältnisse umkehren.

Diese Umkehrung betrifft nicht nur die Familie. Am Arbeitsplatz kann sie sich noch “dramatischer” auswirken.

Situationen im täglichen Leben

Auto fahren – Präzision und Flexibilität


Wer kein Navigationssystem hat, plant seine Strecke analog mit Landkarten und Entfernungstabellen, wird durch Baustellen oder Staus zur Neuplanung gezwungen, fragt sich in unbekannter Gegend mit herunter gekurbelter Scheibe durch, wenn da jemand ist.

NavigationDas digitale Navi gibt Fahranweisungen vom aktuellen Standort bis zur Hausnummer am Ziel. Es meldet Staus und empfiehlt Umleitungen. Es warnt vor Gefahrenstellen und evtl. Blitzern. Es bietet bei Abweichungen von der Planung geduldig alternative Wege an. Es berechnet Restkilometer und Ankunftszeit. Es zeigt Tankstellen, Gastronomie und Parkplätze. Besser kann das kein routinierter Beifahrer. Dabei ist das System ist kleiner als eine Hand. Seine Speicherkarte ist kleiner als ein Fingernagel und speichert die vermessene Welt hausnummerngenau. Analoge Straßenkarten reichen nicht bis zur Hausnummer, trotzdem würden sie wohl Regalmeter füllen. Und der Beifahrerplatz wäre zusätzlich besetzt.

Satellitengesteuert“Es kann nicht verkehrt sein, er wird von Satelliten geleitet”.

Sie haben von dem Autofahrer gehört, der im Wasser gelandet ist? Seine Begründung: Sein Navi hatte ihm das gesagt. Was war passiert? Der Autofahrer hatte sich blind auf das Navi verlassen. Mit Landkarte wäre das nicht passiert, er war ja nicht “blöd”. Nur zu gutgläubig – er hatte noch nicht von der (analogen) Landkarte auf das (digitale) Navi umgedacht.

Im Büro – Zeit ist Geld


Stellen Sie sich vor, der Chef will mit einem Kunden wichtige Verhandlungen führen. Er sucht vorbereitend “alle verfügbaren Infos”. Zur Sicherheit gibt er zwei Mitarbeitern den gleichen Auftrag.

KalenderDer eine sucht analog (im klassischen “Papierbüro”): Ein Archiv mit vielen Regalen, Schränken, Ordnern, Büchern und Karteikästen, Presseausschnitten, Korrespondenz, Belegen, Notizen etc. Einige sind nach Namen sortiert, andere nach Konto, Auftragsnummer, Datum oder unsortiert. Er braucht Tage für seinen “Kampf” mit Staub, Spinnen, Kopieren, Zurücksortieren …

StoppuhrDer andere sucht digital (per Computer im Internet): Er braucht mit der Suchmaschine Minuten und liefert, was weltweit veröffentlicht wurde.

Der Vergleich im Zahlenspiel: Angenommen, der “digitale” braucht 3 Minuten und der “analoge” braucht 3 Tage à 8 Stunden à 60 Minuten. Analog dauert es bei diesen Annahmen fast 500 mal so lange, bei außerdem viel schlechterem Komfort. Dieses Verhältnis nenne ich einen “dramatischen Unterschied”.

Geheimdienste – Information ist Macht


Stasi war der Inbegriff von Spionage. Der so genannte “Staatssicherheitsdienst” war das Unterdrückungs- und Überwachungsinstrument der SED gegenüber der DDR-Bevölkerung – Machterhalt. In der Rückschau wurde die Menge der gesammelten Daten deutlich: 48.000 Aktenschränke voller Belastungsmaterial. Ein System zur Aufbewahrung und Auswertung analoger Daten.

Heute sind wir weiter, wir haben den vermutlich flächendeckenden “mentalen Nacktscanner”. Die bekannteste Institution heißt NSA, ein Nachrichtendienst der USA, der für die weltweite Überwachung und Entschlüsselung elektronischer Kommunikation zuständig ist. Stichwörter: Angezapfte Glasfaserkabel, abgehörte Telefonleitungen, massenhaft abgefangene E-Mails, Chats und SMS. Hier geht es also um digitale Daten. Man liest von weltweiter Überwachung, parallel zu anderen Geheimdiensten.

Die britische Zeitung GUARDIAN hat die Speicherkapazität einer neuen Serverfarm der NSA enthüllt. Wenn jemand diese Daten drucken und in Aktenschränken aufbewahren wollte, könnte er 42.000.000.000.000 Aktenschränke (42 Billionen) füllen.

Weil ich mir diese Mengen nicht vorstellen konnte, habe ich nach einem anderen Vergleich gesucht: Wieviel Platz brauchen die Aktenschränke. Mein Ergebnis:

AktenschränkeDie Stasi-Aktenschränke brauchten 0,019 km² Platz, das entspricht etwa der Fläche von 2 Fußballfeldern.
Per Dreisatzrechnung komme ich dazu: Die NSA-Aktenschränke bräuchten 17 Millionen km² Platz, das entspricht fast der 50-fachen Fläche Deutschlands. Ganz Deutschland ein Lagerhaus, kein Platz für ein Fußballfeld, einen See, eine Wiese, eine Autobahn – und das in der Höhe von 50 Stockwerken …

Die Datenmengen Stasi zu NSA stehen im Verhältnis von etwa 1 : 1 Milliarde. Unvorstellbar. Und die NSA ist nur einer der weltweit tätigen Geheimdienste.

Fotos – Details und Identität


Früher fotografierte man analog den Film im Urlaub voll, ließ ihn nach dem Urlaub entwickeln, wählte Fotos zum Vergrößern aus und klebte sie ins Album. Fertig.

GesichtserkennungDas kann man digital auch. Man kann aber viel mehr. Die Einschränkungen der Filme gelten nicht mehr. Kameras (z.B. im Handy) werden zum ständigen Begleiter, für Erinnerungsfotos und als “Notizblock”. Ergebnisse werden sofort geprüft, das Foto wird wenn nötig wiederholt. Der Computer, sogar das Smartphone, kann Fotos nachbearbeiten bis zur Fotomontage und Fälschung. Fotobücher erlauben viel mehr Gestaltung als Alben. Das Internet zeigt die Fotos “der ganzen Welt”, z.B. den Teilnehmern der Reise, des Treffens, der Feier. Eine ganz neue Dimension: Die Gesichtserkennung erlaubt es, Personen auf Fotos zu erkennen und weitere Infos zu diesen Personen zu finden und anzuzeigen. Das Foto stammt aus der Sendung “ZDF Frontal” vom 25.09.2012.

Die Gesichtserkennung im Internet können auch fremde “Profiler” nutzen. Wenn der Fotograf oder die Fotografierten das nicht berücksichtigen, kann es zu Identitäts-Missbrauch kommen – mit nicht absehbaren Folgen. Beispiel: “Wer ist die andere Person auf dem Foto?”

Entscheidungen – Puzzle mit (immer weniger) Lücken


Wer früher Entscheidungen über Personen traf, sah sich die Person und evtl. vorhandene analoge Unterlagen an und entschied – meist im Vertrauen auf die eigene Menschenkenntnis. Beispiele: Vermieter und zukünftige Mieter, Personalchefs und neue Mitarbeiter, Singles und mögliche Partner, Versicherer und Versicherungsnehmer.

PuzzleIm Zeichen des Computers und der sozialen Netzwerke suchen immer mehr “Entscheider”, was sie digital im Internet über die Bewerber finden. Ein Beispiel: Frau O. hat einen Bekannten um einen Gefallen gebeten. Weil er Hundefreund ist, bestellt sie im Internet einen Fotoband über Pitbulls und bedankt sich damit. Frau O. vermutet bei einer Freundin Alkoholprobleme, sie informiert sich in Foren, wie sie ggf. helfen kann. Ein Hausbesitzer, bei dem Frau O. eine Wohnung haben möchte, findet z.B. bei seiner Recherche die Stichwörter PITBULL und ALKOHOL. Er puzzelt sich ein Bild von Frau O.: Alkoholikerin mit Kampfhund, das kann nur Prostitution bedeuten. Kann er das seinen übrigen Mietern zumuten? Absage!

Surfspuren“, die gar nicht als Abgabe von Informationen gemeint sind, werden trotzdem so genutzt. Vieles lässt sich daraus ablesen, z.B. wonach jemand mit der Suchmaschine sucht, welche Buchtitel jemand ansieht oder bestellt, welche Waren jemand bei eBay oder Amazon kauft oder anbietet, welche Test- oder Erfahrungsberichte jemand liest oder schreibt, welche Videos jemand bei Youtube ansieht, welche Texte jemand bei einer Übersetzungsseite übersetzen lässt, welche Fotos jemand veröffentlicht, welches Informationsmaterial jemand anfordert u.v.m.

Metadaten” der Kommunikation zeigen: Wer hat mit wem, wann, von wo aus, wie oft, wie lange kommuniziert, z.B. per Telefon oder E-Mail oder SMS oder Chat oder soziale Netzwerke oder anders? Wer regelmäßig einschlägige Diskussionsforen besucht, wer Veröffentlichungen, Kleidung und Symbole bestimmter Gruppierungen kauft, wessen E-Mails im Betreff oder im Inhalt bestimmte Reizwörter enthalten, wer wiederholt SMS mit Verdächtigen austauscht, wer seine Kommunikation verschlüsselt und seine IP-Adressen zu verbergen versucht, kommt leicht in den Verdacht, selbst zu den Verdächtigen zu gehören.

Bewegungsprofile” zeigen: Wo war das Smartphone (und sein Besitzer), wann, wie lange, wie regelmäßig, erkennbar an Navigationsdaten, an Smartphone-/Handy-Positionen zwischen den Funkmasten des Mobilfunknetzes oder in der Nähe von WLAN-Hotspots? Wer regelmäßig morgens von A nach B fährt und abends von B nach A, wohnt wohl in der Nähe von A und arbeitet wohl bei B. Wer regelmäßig Donnerstags kurz im Blumenladen oder beim Weinhändler hält und sich länger bei C aufhält, besucht vielleicht dort seine Freundin.

Surfspuren, Metadaten und Bewegungsprofile sind keine veröffentlichten Inhalte. Das ist dann ja nicht so schlimm? Nur ein Beispiel: Wer täglich morgens und abends die gleiche Strecke fährt, gibt damit ziemlich eindeutig Auskunft über Wohnort und Arbeitsplatz. Der Beobachtete wird dadurch “berechenbar” und manipulierbar.

“Entscheider” finden, was potenzielle “Partner” selbst veröffentlicht haben, was andere über sie veröffentlicht haben, fachliche, sachliche und Gesinnungs-Beiträge, Party- und Urlaubsfotos, aktuelle und überholte Fakten, aus dem Zusammenhang gerissene Infos. Entscheider werden (Hobby-) “Profiler“. Und mit mehr Aufwand (und evtl. krimineller Energie) finden sie auch Infos, die die “Ausgeforschten” nie für die “Öffentlichkeit” freigeben würden.

Möglich wird das durch den Informationshunger des Internet und die Geschwindigkeit, mit der Computer riesige Datenmengen durcharbeiten und bündeln können, durch den Einsatz “künstlicher Intelligenz”. Die Datensammler müssen Informationen nicht einmal ordnen oder katalogisieren. Es genügt, sie wie auf einen großen “Heuhaufen” zu werfen, bei Bedarf können Computer die “Nadel” darin schnell finden. Stichwort: “BIG DATA”. Die gleichen Möglichkeiten nutzen auch Werbetreibende, Behörden, die Vorratsdaten sammeln und Kriminelle, die einen Betrug vorbereiten.

Infos vor Ort – erweiterte Realität


Sie sind irgendwo unterwegs und möchten vieles wissen, z.B. welches Tagesgericht das Restaurant heute zu welchem Preis anbietet, wo es einen WLAN-Hotspot gibt, welche Immobilie zu mieten oder zu kaufen ist, für welche Vorstellung es heute noch Tickets gibt, wofür die Partei auf dem Wahlplakat antritt, wann die nächste Bahn zu Ihrem Ziel fährt, was über das historische Gebäude dort wissenswert ist, wie sicher Ihr Abstand zum Auto vor Ihnen ist und vielleicht viel mehr. Vielleicht wollen Sie auch sofort bestellen / buchen / reservieren.

Wenn Sie sich an Ihrem Standort umsehen, sehen Sie die Realität z.B. als Fassaden, aber nicht was dahinter ist. Um Ihre Fragen analog zu beantworten, müssen Sie in die Häuser gehen, fragen, telefonieren, Papiere durchsuchen (z.B. Fachliteratur, Reiseführer, gelbe Seiten, Zeitungen), Ballast aussortieren.

Das mobile Internet eröffnet völlig neue Möglichkeiten. Die digitale Ergänzung der Realität funktioniert wie eine “Gesichtserkennung für Objekte”. Das Smartphone zeigt die Antworten auf Ihre Fragen live auf dem Display. Ein Blick durchs Objektiv zeigt die Realität, auf dem Display erscheinen per Klick zusätzlich Text- und Grafikinfos, die die Realität ergänzen / erweitern.

“AR” ist die Abkürzung von “Augmented Reality“, englisch für “Erweiterte Realität”. So funktioniert “Augmented Reality”: Das Smartphone “blickt” durch das Objektiv und sendet per Klick das Foto ins Internet. Der Server erkennt das Objekt anhand von GPS-Position und bereits vorhandenen Fotos. Er liefert dazu Informationen aus der Werbung, von Wikipedia, aus sozialen Netzwerken, aus Suchmaschinen. Diese Infos werden zurück gesendet und den Objekten zugeordnet – in das Display eingeblendet. Das können schon Einsteiger-Smartphones mit kostenlosen Apps für AR. Eine Daten-Flatrate kostet pro Monat so viel wie ein paar SMS und Telefonate. Kurz vor der Marktreife sind Brillen, in die die zusätzlichen Infos eingespiegelt werden.

Auswirkungen


Digitale Techniken erfüllen ihre Aufgaben viel effizienter. Sie verstärken positive und negative Effekte.

Positive Auswirkungen

Manche Techniken “schmeicheln” sich mit Vorteilen ein und werden gern angenommen, auch weil kein großes Umlernen nötig ist:

  • Das digitale Handy ist mobiler und speichert Adressen komfortabler als die analoge Telefonzelle ohne Telefonbuch – kein Weg zur Telefonzelle, schnelleres Finden und Wählen der Telefonnummer.
  • Spontane Lastminute-Grüße per digitaler SMS verdrängen die analogen handgeschriebenen Glückwunsch- oder Ansichtskarten – kein Weg zum Briefkasten, kürzere Formulierungen.
  • Die digitale E-Mail ist viel schneller und komfortabler als die analoge Papierpost mit ihrer Bürokratie und langen Laufzeiten – keine zweite Unterschrift, knappere Formulierungen, einfachere Organisation.

Negative Auswirkungen

Wo die Zusammenhänge komplizierter und die Konsequenzen nicht so “begreifbar” sind, funktionieren veraltete Erfahrungen und erlernte Schutzreflexe nicht mehr. Natürlich gilt immer noch: Im Gedränge ist das Portemonnaie hinter einem Reißverschluss am Körper besser aufgehoben als im Rucksack mit offener Klappe. Aber für’s Internet genügt das nicht, dort wird nichts im offenen Rucksack transportiert. Neue Risiken ergänzen die alten. Wer sich schützen will, muss erstens die neuen Risiken erkennen und zweitens geeignete Schutzmaßnahmen finden.

  • Digitale Techniken der Kleinkriminalität, z.B. Leerverkäufe gegen Vorkasse bei Auktionen, gecrackte Passwörter bringen für die Täter mehr Geld und weniger Risiken als analoger Handtaschenraub.
  • Bankräuber fordern nicht mehr analog mit dem handgeschriebenen Zettel “Geld oder Leben” vom Kassierer, sondern tricksen Kunden aus mit digitalen Techniken wie Phishing, Pharming, Vishing, Smishing, Skimming.
  • In der Finanz- und Eurokrise spekulieren “die Märkte” mit Börsenprogrammen und künstlicher Intelligenz digital; “die Politik” versteht weder “die Märkte” noch die Technik, reagiert analog und wirkt dabei ziemlich hilflos.

Die Leistungsexplosion


Digitale Techniken leisten dramatisch mehr als die analogen, in allen Lebensbereichen: Arbeit, Aus- und Weiterbildung, Computer und Internet, Energie, Finanzen, Freizeit, Gesundheit, Karriere, Kommunikation, Kriminalität, Kultur, Leben und Gesellschaft, Medien, Politik, Reisen, Technik, Verkehr, Wirtschaft, Wissenschaft … Computer “entscheiden” nach vorgegebenen Kriterien über den guten Ruf, den Besitz, die Existenz. Sie entscheiden “unmenschlich” schnell.

Alle, die den Unterschied erkannt haben, können ihn nutzen – positiv und negativ – bei einfachen und komplizierten Zusammenhängen.

Der Computer hat Türen geöffnet …


… von denen wir nicht wussten, dass sie überhaupt existieren.

Viele Bereiche sind wesentlich komplizierter und haben ein noch viel größeres Potenzial als diese Beispiele. Wir leben (schon) digital und denken (noch) analog.

Die Steigerung: Viele Betroffene wissen nicht genug darüber, sie wollen das nicht zugeben und ignorieren es einfach. Mit dem Argument: “Ich habe nichts zu verbergen”. Wie ein Kind beim Versteckspiel: Es kneift die Augen zu und glaubt, dass es so nicht gesehen wird.

Wer in diesem Sinn nichts zu verbergen hat, kann später, wenn ein Schaden entstanden ist, sagen: “Ich habe es nicht gewusst”. Aber er hätte es wissen können.

Wir brauchen Erfahrungswissen. Theorie ist zu abstrakt.


Wer am Geländer das Schild “Frisch gestrichen” sieht, glaubt das erst, nachdem er das Geländer angefasst hat. Erfahrungswissen ist erlebtes Wissen. Das fehlt oft.

Analoges Beispiel: Wenn Minderjährige vor der gesellschaftlichen Auswirkung von Tätowierungen gewarnt werden, akzeptieren sie das nicht unbedingt – “Alle haben das”. Digitales Beispiel: Wenn jemand vor Datenmissbrauch gewarnt wird, kann er sich ohne einschlägige Erfahrungen die Auswirkungen nicht vorstellen und kümmert sich nicht um seine Privatsphäre – “Ich habe nichts zu verbergen” und / oder “So ist nun mal unsere Zeit”.

“Auch in der digitalen Welt wird Blödheit ganz analog bestraft”. So formulierte es der Kabarettist Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig.